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9 März 2018IDM

Die Vertikale 4.0

Die Vertikale hat in Südtirol seit jeher große Bedeutung: Es ist das „Land der Berge“ und hat in den vergangenen Jahrhunderten einige Bergpioniere und -steigergrößen hervorgebracht. Das junge Brixner Unternehmen Vertical-Life, Experte für Digitalisierung, ist ein Südtiroler Bergsportpionier 4.0 und hat sich in der internationalen Kletterszene Anerkennung erarbeitet.

Das Rock Selfie hat der Vertical-Life GmbH kürzlich ihren fünften ISPO Award, eine begehrte Auszeichnung für herausragende und innovative Produkte der Sportbranche, in ihrer noch jungen Geschichte beschert. Bei dem Produkt, das bei der Sportartikel- und Sportmodemesse ISPO – eine der größten und wichtigsten Branchenveranstaltungen weltweit – Ende Januar 2018 in München als Award Gold Winner prämiert wurde, handelt es sich um ein Gerät, mit dem man ein Foto von sich selbst macht, das dann in ein mit spektakulärem Hintergrund versehenes Kletterfoto umgewandelt und auf eine eigene Internetseite überspielt wird und über diese auch heruntergeladen werden kann. 

„Das Rock Selfie ist ein großartiges Gerät für Events, besonders für Leute, die keine Kletterer sind“

„Das Rock Selfie ist ein großartiges Gerät für Events, besonders für Leute, die keine Kletterer sind. Wer weiß, vielleicht regt es sie sogar dazu an, den Sport auszuprobieren“, begründete ISPO-Award-Jurymitglied Sun Bin, Mitglied des nationalen chinesischen Kletterteams und Präsident der Summit Outdoor School.

Doch das Rock Selfie ist nur eine der Erfindungen und Innovationen aus dem Hause des jungen Brixner Unternehmens Vertical-Life – wobei sich beim gesamten Portfolio (fast) alles um die Kernkompetenz Klettern dreht: Es geht um die Entwicklung digitaler Produkte, intelligenter Technologien und um Design. Das Hauptprodukt ist die Vertical-Life App für Smartphones. Doch das Unternehmen entwickelt mittlerweile auch andere Software-Lösungen für den Klettermarkt und für andere Player des Segments. Dazu zählt zum Beispiel ein Großauftrag des Kletter-Weltverbandes IFSC International Federation of Sport Climbing, bei dem es darum geht, eine Datenbankverwaltung für alle Athleten, die Wettkämpfe bestreiten, sowie alle Wettbewerben bzw. Ergebnissen zu entwickeln. 

Andere Vertical-Life-Produkte sind eng an die App gekoppelt, etwa „Smart Scorecard“, ein Auswertungssystem für Kletterwettbewerbe, oder „Smart Climbing Gym“, eine Software zur Routenverwaltung und zum Management für Kletterhallen. Damit können die Betreiber u.a. auswerten, welche Routen wie häufig geklettert und wie sie bewertet werden. 

Besondere Aufmerksamkeit legt Vertical-Life indes auf die Trainingsfeatures seiner App – in diesen sehen die Verantwortlichen um CEO Matthias Polig großes Potenzial, nicht zuletzt weil Klettern bei den Sommerspielen 2020 in Tokio erstmals olympische Disziplin sein wird, und damit wohl rund um den Globus einen weiteren enormen Aufschwung erfahren dürfte. Und so können Kletterer in der Vertical-Life-App individuelle Trainingspläne zusammenstellen, die auf ihr Leistungsniveau zugeschnitten sind. „Ich wähle aus, wie oft in der Woche und in welcher Kletterhalle ich trainieren möchte und bekomme den entsprechenden Trainingsplan, den ich über die App tracken kann“, erklärt Polig. Dabei wird auf die Zusammenarbeit mit Trainern und Profisportlern gesetzt.

Videos mit Profi-Kletterern für die Vertical-Life-App

Um diverse Elemente des Trainings zu veranschaulichen wurden kürzlich auf einer eigens angefertigten Boulderwand in der Kranhalle des neuen NOI Techparks in Bozen Technikvideos gedreht: Unter Anleitung von Ingo Filzwieser, ehemaligem österreichischen Nationaltrainer und international angesehener Kletterlehrer, zeigten Weltklasse-Athleten wie Anna Stöhr, Magdalena Röck, Filip Schenk und David Piccolruaz vom Mammut- Climbing-Team grundlegende Klettertechniken und -übungen (siehe dazu auch beigestelltes Video). Filzwieser arbeitet darüber hinaus gemeinsam mit dem Vertical-Life-Team auch an den Lösungen für die individuellen Trainingspläne. 

„Die Ursprungsidee bei der Gründung von Vertical-Life war es jedoch“, erzählt Polig, „Kletterführer zu digitalisieren.“ Angelehnt habe man sich u.a. auch an die Idee der Nordtiroler Kletterplattform Climbers Paradiese Tirol, die sich jedoch auf das Einzugsgebiet Tirol beschränkt und hauptsächlich auf touristische Nutzung ausgelegt ist. Neu bei Vertical-Life war die Kombination gedruckter Kletterführer und digitalisierter. „Unser Hauptaugenmerk lag von Beginn an auf der Zusammenarbeit mit Verlagen, wobei die Kletterverlage oft sehr klein sind und viele Führer auch in Eigenverlagen gedruckt werden“, sagt Polig. Durch den Verkauf der Führer werden häufig die Instandhaltung der beschriebenen Gebiete und die Errichtung neuer Routen finanziert. 

Als Ergänzung zu diesem Outdoor-Ursprungsgeschäft kaufte Vertical-Life im vergangenen Jahr mit der Plattform 8a.nu, gegründet von einem Schweden, die weltweit größte Routen-Datenbank, die aus User-generierten Daten besteht und ca. 750.000 Routen auf der ganzen Welt umfasst. „Hier sind viele der wichtigsten Begehungen von starken – und auch weniger starken – Kletterern eingetragen“, erzählt Vertical-Life-Mitgründerin Maria Hilber. 

Wichtig ist 8a.nu für die Brixner Unternehmer aber vor allem weil bei Onlinerecherchen zu Routen oder Gebieten zahlreiche Treffer liefert. „Vertical-Life hingegen bietet Premium Content an, das heißt eine Routendatenbank, die aus Kletterführern stammt und professionell recherchiert wurde“, so Hilber. „Wir haben 8a.nu gekauft und verbinden die beiden Datenbanken und natürlich auch die User.“

Eine Plattform mit dem Rundum-Packet: Indoor, Outdoor und Training

Und so bietet die Vertical-Life-App heute also ein Rundum-Packet: eine Plattform, auf der Kletterer das ganze Jahr über finden, was sie brauchen – vom Outdoor-Kletterführer mit Routen auf der ganzen Welt in eigenem Verlag bis hin zu Indoor-Anwendungen für Kletterhallen und Trainingsprogramme, und alles individuell, auf die eigenen Vorstellungen und Ansprüche zugeschnitten. Die „Hallen-Funktionen“ der App wurden anfangs aus sehr pragmatischen Gründen entwickelt. „Die User sollten die Plattform möglichst das ganze Jahr über nutzen, weil wir den Traffic auch wegen der Werbeeinnahmen benötigten“, sagt Matthias Polig. Mit dem zusätzlichen Fokus auf die Halle, ging auch der Einstieg in den Bereich Softwareentwicklung einher.

Durch diese Spezialisierung auf die Softwareentwicklung, die sich seit etwa einem Jahr immer klarer herauskristallisiert hat, bezeichnen die Verantwortlichen Vertical-Life nun selbst als Start-up – zuvor war das in ihrer Eigendefinition anders. „Wir wollten immer – von Anfang an – ein Unternehmen sein, das wächst, doch als Start-up haben wir uns eigentlich nicht gesehen“, sagt Hilber. Gemeinsam mit Arno Dejaco und Polig hat sie Vertical-Life im Dezember 2012 gegründet, nach einem Jahr ist zu den drei Südtirolern mit dem Finnen Iiro Virtanen ein vierter Gesellschafter gestoßen. 

Entwickelt hat sich die Geschäftsidee für Vertical-Life zuvor in der Zeit, als Dejaco und Hilber, die im Bereich Grafik und Kommunikation tätig waren, für Polig, der Kletterevents organisierte und Kletterführer – solche in klassischer Buchform – schrieb, Aufträge abwickelten. 

Zwar ist mittlerweile die App Dreh- und Angelpunkt der Tätigkeit von Vertical-Life, doch dass es das Unternehmen überhaupt noch gibt, hat es vor allem einem Trainingsgerät aus Holz zu verdanken – dessen Erfolg allerdings eng mit seinen digitalen Features verbunden ist: das Zlagboard. Das sogenannte Griffboard dient Kletterern und Boulderern zum Trockentraining, kann dank Zlagboard-App bzw. Smartphone einen Überblick über die Trainingsdaten des Nutzers geben – und diese, falls gewünscht, über die Vertical-Life-Plattform mit anderen Zlagboard-Besitzern teilen. Mit diesen Produkten holten sich die Südtiroler 2015 ihre ersten prestigeträchtigen Auszeichnungen – einen ISPO Product Award (Zlagboard) sowie einen ISPO Communication Award (Zlagboard Contest).

„Das Zlagboard“, sagt Maria Hilber, „hat uns – in einer finanziell schwierigen Zeit – große Aufmerksamkeit beschert und Vertical-Life bekannt gemacht, – das hatte dann auch erfreuliche Auswirkungen auf unsere App bzw. die Plattform.“

Seit 2016 ist erster Investor an Bord, bald soll ein weiterer folgen

Ein weiterer wichtiger Schritt für die aufstrebende Firma folgte im Herbst 2016, als der Sterzinger Seilbahnhersteller Leitner ropeways in Vertical-Life investierte. „Vertical-Life macht seit seiner Gründung durch Innovationskraft und kreative Lösungen auf sich aufmerksam. Wir unterstützen das Start-up finanziell in Form einer Kapitaleinlage. Zusätzlich bieten wir ihnen den Zugang zu wichtigen Ressourcen, Kontakten und Vertriebsstrukturen“, erklärte Anton Seeber, Präsident der Unternehmensgruppe Leitner, in einer Aussendung. Beide Seiten seien überzeugt davon, dass die Zusammenarbeit der Schlüssel zum internationalen Durchbruch von Vertical-Life sein werde.

„Diese Investition hat anderen Gründern in Südtirol gezeigt, dass es auch hierzulande Geldgeber gibt, die in erfolgversprechende Ideen junger Unternehmer investieren“, so Vertical-Life-CEO Polig. „Ich denke, das hatte für die Gründerszene im Land schon eine gewisse positive Ausstrahlung.“ 

Demnächst wird Vertical-Life nicht nur die nächste Kapitalisierungsrunde abschließen, – das Unternehmen wächst auch sukzessive. Gestartet ist mit den drei Gründern, besteht das Team gut fünf Jahre später aus 20 Leuten – Tendenz weiter steigend. „Vertical-Life“, sagen Hilber und Polig unisono, „ist für einige dieser Leute ein sehr persönliches Projekt.“ Gerade in der Anfangszeit hätten nicht nur sie selbst, sondern auch Mitarbeiter – „überdurchschnittlich talentierte Leute“ – für wenig Geld sehr viel gearbeitet

Von Anfang an hat sich das Vertical-Life-Team international zusammengesetzt – heute gibt es unter den Mitarbeitern Finnen und Litauer, Franzosen, Deutsche und Marokkaner. Zum Teil sind sie eigens für ihre Jobs bei Vertical-Life, das sich in der Kletterszene weit über die Grenzen Südtirols hinaus einiges Renommee erarbeitet hat, nach Südtirol gezogen, einige sind auch dabei, die nach dem Studium an der Freien Universität Bozen im Land geblieben sind. Ebenso bunt wie die Herkunftsländer der Mitarbeiter sind ihre Kompetenzen und Fähigkeiten – vom Programmierer über Übersetzer bis hin zu Kartografen ist alles dabei. 

„Was einige auch bewogen hat, zu uns zu kommen, ist, das hier etwas mitentwickeln können, das neu ist“

Was vielen der bei Vertical-Life Beschäftigten gemein ist: Sie sind begeisterte Kletterer und/oder Outdoor-Fans. Und so kommt es ab und an vor, dass das Team während der Mittagspause (fast) geschlossen in der nahe beim Unternehmenssitz gelegenen Kletterhalle Vertikale Kletterzentrum Brixen anzutreffen ist.

„Was einige auch bewogen hat, zu uns zu kommen, ist, das hier etwas machen und mitentwickeln können, das neu ist – und weltweit führend“, sagt Polig. Anfangs, als es bei Vertical-Life „nur“ um die Digitalisierung von gedruckten Kletterführern ging, gab es noch einige Mitbewerber – ebenso kleine Projekte und Initiativen wie es auch die Brixner Firma war. Doch nach und nach haben viele aufgegeben und inzwischen ist Vertical-Life mit dem Gesamtpaket, das es bietet, alleine. Wobei: „Im Plattformbereich gibt es keinen Zweiten, es behauptet sich nur der Führende“, bringt es Polig auf den Punkt. 

Kurzfristiges Ziel von Vertical-Life ist es, eine Abo-Lösung auf der Plattform zu installieren – die Vorarbeiten sind so gut wie abgeschlossen: Abonnenten können gegen Gebühr eine bestimmte Zeit die Angebote auf der Website nutzen – derzeit haben zu den Outdoor-Angeboten diejenigen Zugang, die die gedruckten Führer gekauft haben, die Hallen-Lösungen sind frei bzw. werden von den Hallenbetreibern finanziert. „Wenn nur fünf Prozent der User, die auf der Plattform registriert sind, ein Abo abschließen, dann sind wir zufrieden – für den Anfang“, sagt Polig. „Um dieses Ziel zu erreichen, spielt der Trainingsbereich der App eine wichtige Rolle.“ 

Und wo möchte Vertical-Life längerfristig hin? Wo soll das Unternehmen in fünf oder zehn Jahren stehen? Oder möchten die Gründer vielleicht aussteigen, das Unternehmen mit Gewinn an einen der großen Outdoor- oder Digitalisierungsplayer verkaufen? „Der Exit war nie unser Ziel“, sagt Polig und wagt einen Ausblick: „Ich bin überzeugt davon, dass wir das Potenzial haben, auch in anderen Digitalisierungsbereichen erfolgreich zu sein, dass wir weitere digitale Geschäftsmodelle entwickeln und diese skalieren können“, sagt Polig. Dabei möchte er aber weder als Agentur tätig sein noch in großem Stil Auftragsarbeiten abwickeln. „Ich sehe uns als Company Builder, als Partner in der Umsetzung von Unternehmensideen”, so Polig.

Fact Sheet

Vertical-Life:

Vertical-Life verschreibt sich ganz der Umsetzung innovativer Ideen für die Outdoor-Branche, im Speziellen für den Klettersport. Im Zentrum der Vertical-Life Plattform steht eine Smartphone-Applikation für Kletterer. Das Unternehmen aus Brixen im Südtiroler Eisacktal entwickelt außerdem Softwarelösungen für wichtige Akteure des Segments, wie etwa das Management von Kletterhallen und Wettkämpfen. Darüber hinaus produziert und verkauft die Firma das Zlagboard, ein Trainingsgerät mit App-Anbindung.

Entsprechend vielseitig ist das junge Team aufgestellt: Kreative Köpfe und qualifizierte Spezialisten arbeiten mit viel persönlicher Motivation und gebündeltem Know-how gemeinsam an Produktdesign, Software Entwicklung, Grafik, Vertrieb und nicht zuletzt an der strategischen Ausrichtung der Projekte. Damit schafft es die Firma, beste Qualität mit einer hohen Geschwindigkeit in der Abwicklung zu kombinieren.

Seit der Gründung im Dezember 2012 konnte Vertical-Life sechs internationale Auszeichnungen entgegennehmen und beweist sich damit als Innovationsleader in seinem Segment.

Wichtige Awards, die Vertical-Life gewonnen hat:

2014 Outdoor Industry Award (Zlagboard)

2015 ISPO Communication Award (Zlagboard Contest)

2015 ISPO Product Award (Zlagboard)

2015 ISPO Brandnew Finalist (Vertical-Life App)

2016 ISPO Product Award (Zlagup)

2018 ISPO Award – Gold Winner (Rock Selfie)