Tourismus

26 Januar 2018IDM

Wohlbefinden durch Innovation

Wie können Komfort und Wohlbefinden in einem Hotel verbessert werden? Welche Einflussmöglichkeiten haben Akustik, Beleuchtung, Temperatur oder Luftqualität? "Under Construction", ein gemeinsames Forschungsprojekt von IDM Südtirol und Eurac Research, gibt Antworten.

Es gibt in Südtirol mehr als 10.000 Beherbergungsbetriebe in denen alljährlich etwa sieben Millionen Gäste unterkommen, die insgesamt mehr als 31 Millionen Mal im Land schlafen bzw. mehr als 31 Millionen Tage – zumindest zum Teil – in den verschiedenen Unterkünften verbringen. Wichtig dafür, dass die Gäste nach ihren Aufenthalten zufrieden und entspannt wieder abreisen, ist der Komfort, den Hotels, Pensionen oder Residences bieten. Wobei mit Komfort nicht allein – wie der Duden definiert – die „auf technisch ausgereiften Einrichtungen beruhende Bequemlichkeiten, Annehmlichkeiten; einen bestimmten Luxus bietende Ausstattung“ gemeint ist, sondern auch die Qualität der Räumlichkeiten bzw. des Lebensraumes meinen kann, die sich wiederum in die vier Bereiche Akustik, Licht/Beleuchtung, Temperatur und Luftqualität unterteilt. Oder anders gesagt: Es geht beim Komfort um das Wohlbefinden, das eine Person in einem Gebäude oder in dessen einzelnen Räumlichkeiten empfindet.

Komfort und Luftqualität in Innenräumen von Hotels verbessern

Um genau diese Art des Komfort – der im Gegensatz zu Produkten, die konkret sind, nicht greifbar und deshalb auch schwer planbar ist – ging es beim jüngsten Forschungsprojekt von „Under Construction – Building Innovation“, dessen Ergebnisse kürzlich bei einem Workshop im NOI Techpark in Bozen vorgestellt wurden. „Under Construction“ ist eine Methode, die vom Wirtschaftsdienstleister IDM Südtirol und EURAC Research, Forschungseinrichtung mit Hauptsitz in Bozen, gemeinsam entwickelt wurde, um den Technologie- und Innovationstransfer zu begünstigen und so Forschung und Unternehmen näher zusammenzubringen. Erstmals durchgeführt wurde das Projekt 2011, damals noch unter der Bezeichnung „Innovation School“.

Der inhaltliche Schwerpunkt der jüngsten und sechsten Auflage war „Komfort und Luftqualität in Innenräumen von Hotels”. Ziel war es, innovative Lösungen mit einem hohen Grad an Effizienz und Komfort für die drei am Projekt teilnehmenden Hotels zu entwickeln, die in eine Machbarkeitsstudie eingebunden werden sollten.

Es gibt zahlreiche tolle Hotels und Vorzeigestrukturen in der Südtiroler Beherbergungslandschaft, in denen durch qualitative Erweiterungen, spezielle Einrichtung oder technische Neuerungen besondere Urlaubsorte geschaffen haben. Die Luft nach oben werde in dieser Hinsicht immer dünner, meinte etwa Helmut Tauber, Vizepräsident des Südtiroler Hoteliers- und Gastwirteverbands (HGV) und als Hotelier im Taubers Unterwirt in Feldthurns im Eisacktal selbst Partner von „Under Construction 2017/2018“, im Rahmen des Workshops im NOI. „Doch es gibt nicht nur Wellnessabteilungen und Spas, es geht auch um gute Luft, ein besonderes Klima und neue Technologien. Investitionen in den Komfort hinsichtlich Akustik, Beleuchtung, Temperatur und Luftqualität sind deshalb ein wichtiges Zukunftspotenzial für Beherbergungsbetriebe, um sich von anderen, von der Konkurrenz abzuheben“, so Tauber weiter.

Raumkomfort wird bei Bauarbeiten in Hotels häufig vernachlässigt

Dabei, ergänzte Carlo Battisti vom IDM-Ecosystem Constructions, müssten jedoch zwei Faktoren beachtet werden. Zum einen sei das handeln innerhalb bestehender Gebäude schwierig, besonders in solchen großer Dimension wie es Hotels sind. „Außerdem“, sagte Battisti, „müssen Hotelumbauten in der Regel innerhalb kürzester Zeit erfolgen, damit die dafür notwendige Betriebsschließung so kurz wie möglich ausfällt. Das erschwert das ‚Für-den-Komfort-Sorgen‘ zusätzlich.“ In diesem Sinne sei es notwendig, die Projektprozesse während der Planungs- und Bauphase zu optimieren. „Eingriffe zugunsten des Komforts sollten bereits in der Planungsphase entschieden und falls nötig modifiziert werden, denn Änderungen auf dem Papier sind weit günstiger und unkomplizierter als jene in der Realität“, unterstrich Battisti.

Um Möglichkeiten zur Komfortverbesserung zu eruieren, die bereits in der Planungsphase angegangen werden können, arbeiteten die Under-Construction-Forscher mit Baufachleuten von IDM, Wissenschaftlern von Eurac, Hoteliers, Partnerunternehmen und Experten für die Innenraumqualität von Gebäuden zusammen. Die beteiligten Hotelbetriebe waren neben Taubers Unterwirt der Lärchenhof in Meransen/Pustertal und das Naturhotel „Die Waldruhe“ in Kiens/Pustertal, die sechs auf den Komfortbereich spezialisierten Partnerfirmen waren Aermec (als einziges nicht-südtiroler Unternehmen), Bauexpert, Obrist, Gruber Türen, Schmidhammer und Tip Top Fenster.

Auf „Innovation Workshops“ folgten „Field Workshops“

In einer ersten Projektphase wurden die drei Teams von jungen Forschern zunächst in Innovation Workshops in die Methodik von „Under Construction“ und Themen eingewiesen, die mit dem Wohlbefinden in Räumen, dem Komfort und der Luft- und Innenraumqualität von Hotels zusammenhängen. Dabei ging es beispielsweise um thermische Analysen und Analysen des Kondenzwasserrisikos an kritischen Punkten, um dynamisches Verhalten der Gebäudehülle, um Systeme zur Überwachung sowie Bewertung des Komforts und der Luftqualität, um gesunde Materialien für gesunde Hotels oder nachhaltiges Innovationsmanagement.

Anschließend ging es für die Jungforscher zu sogenannten „Field Workshops“ im zugewiesenen Hotel, wo sie über einen zweiwöchigen Aufenthalt hinweg den Status quo analysierten und dann – durch einen Tutor von IDM oder Eurac unterstützt – ihre innovativen Lösungsvorschläge erarbeiteten. Bei der Vor-Ort-Analyse wurde mit Instrumenten wie dem Eye-Tracking gearbeitet, der Blickerfassung mittels Spezialbrille, auch Messungen von Temperatur, Lärmpegel etc. an verschiedenen Punkten der Hotels wurden durchgeführt sowie Gästebefragungen mittels Fragebögen. 

Fact Sheet

Die Ergebnisse

Lärchenhof – Das erste Team (bestehend aus Francesca Becchetti, Costanza Fausone, Angelo Figliola und Alesso Maffeo), das seine Ergebnisse unter dem Titel „Ein Blick – Uno sguardo“ präsentierte, war jenes, das den Lärchenhof betreut hatte. Als vorrangiges Problem, das angegangen werden sollte, wurde dort die Lärmbelästigung sowohl in den zur Straße liegenden Zimmern sowie deren Balkonen als auch im Außenbereich durch die nahe Landesstraße ermittelt. Der systemische Lösungsvorschlag der Jungforscher geht das Problem auf verschiedenen Ebenen an. So könnte etwa die Fassade erneuert bzw. durch eine Holzstruktur ergänzt werden. Durch die Holzstruktur könnte nicht nur die Beschattung bzw. der „Temperaturkomfort“ in den Zimmern in den Sommermonaten verbessert werden, sondern durch das Anbringen von Spezialfolien um die Balkone, könnte die Lärmbelästigung in den Zimmern und auf den Balkonen verringert und die Nutzung der Balkone auch auf Monate mit niederen Temperaturen ausgeweitet werden. Dazu, so regten die Forscher an, könnte – in Anlehnung an die „Wellnesskörbe“, die den Gästen in vielen Hotels zur Verfügung gestellt werden – ein „Balkonkorb“ zusammengestellt werden.

Für eine Reduzierung des Lärmpegels im Außenbereich schlägt das Lärchenhof-Team als akustische Barriere eine Glaswand vor, die den Ausblick auf die umliegende Bergwelt gewährleistet.

Ihr Lösungskonzept halten die Jungforscher auch für andere Hotels in Südtirol anwendbar, sofern die beiden Punkte – vielbefahrene Straße sowie Wille zur Erneuerung der Fassade – vorhanden seien.

Taubers Unterwirt – „Die Essenz des Wohlbefindens – L’essenza del benessere” haben Eleonora Gabbarini, Francesco Gangemi, Andrea Meneghelli und Giulia Peretti ihr Under-Construction-Projekt für Taubers Unterwirt genannt, mit dem sie dafür sorgen möchten, dass sich das Wohlbefinden, das im Wellnessbereich besonders gefühlt wird, auf die gesamte Struktur ausweitet – und zwar unter anderem mit Zuhilfenahme von typisch regionalen Düften, zum Beispiel Holz oder Kastanie.

Zudem hat das junge Forscherteam anhand der ausgewerteten Daten die hohen Temperaturen in bestimmten Gebäudeteilen bzw. Zimmern sowie die hohe CO²-Konzentration in einigen Gemeinschaftsbereichen festgestellt. Um diese Probleme anzugehen, wurden Vorschläge für kurzfristig umsetzbare Verbesserungen gemacht, die in die bestehende Struktur implementiert werden können (als „softe Lösungen“ bezeichnet), aber auch solche für Änderungen, die langfristiger angegangen – und die besonders im Hinblick auf zukünftige Umbauarbeiten realisiert werden könnten.

Das für das Projekt „Die Essenz des Wohlbefindens – L’essenza del benessere“ ausgearbeitete Formblatt, davon sind Gabbarini, Gangemi, Meneghelli und Peretti überzeugt, könnte auch auf andere Beherbergungsbetriebe, die ähnliche Schwierigkeiten hinsichtlich des Raumkomforts wie Taubers Unterwirt haben, angewandt werden. Anhand der Antworten könnte dann eine an das jeweilige Haus angepasste Strategie erarbeitet werden.

Die Waldruhe – Das dritte Under-Construction-Team – Alessandro Bortolin, Roberta Lingua, Silvia Stéphanie Testa und Leonardo Tornambè – hat das Projekt „Naturhotel: welcome to natural hospitality“ erarbeitet. Die jungen Forscher schlagen die Einführung einer Naturhotel-Zertifizierung vor, und definieren dafür einen Kriterienkatalog, der auf vier Kategorien fußt: Komfort/Wohlbefinden im Gebäude, nachhaltige Materialien, körperliches und geistiges Wohlbefinden der Nutzer des Gebäudes sowie nachhaltige Bewirtschaftung und Kommunikation. Dabei geht es zum Beispiel um die Verwendung nachhaltiger Rohstoffe beim Bau der Betriebsgebäude und bei der Inneneinrichtung, aber auch bei der Ernährung; doch auch in allen anderen Bereichen von der Energie- und Wasserversorgung bis zur Mobilität der Gäste sollte grünes, nachhaltiges Handeln im Mittelpunkt stehen. Um die Gäste dabei zu unterstützen, könnte etwa eine Green App entwickelt werden. Zudem könnte die Marke „Naturhotel“ als Marketinginstrument genutzt werden.

Der Kriterienkatalog sollte so ausgearbeitet sein, dass er bereits in der Planungsphase für einen Neu- oder Umbau von den Planern als richtungsweisendes Tool verwendet werden kann – und wäre, so die Jungforscher, nicht nur für „Die Waldruhe“, sondern auch darüber hinaus verwendbar.