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1 August 2018IDM

BMW, Audi, Rolls-Royce und Co: So hat Tratter den Automotive-Sektor erobert

1998 wurde das Unternehmen in Südtirol gegründet. Heute ist es in der ganzen Welt erfolgreich tätig, von Europa und den USA bis hin zu Südkorea, Brasilien, Mexiko und China. Und auf dem grünen Firmendach in Bozen spielen die Mitarbeiter zur Entspannung gerne mal eine Partie Ping Pong

20 Jahre sind vergangen, seit Gerhard Tratter beschlossen hat, seiner Zukunft eine entscheidende Wende zu geben. Mit 14 Jahren hat er seine Berufskarriere als Werkzeugmacherlehrling in einer Fabrik begonnen, heute ist er Geschäftsführer und Gründer seines eigenen Unternehmens Tratter Engineering mit Niederlassungen in Italien und Österreich und indirekter Lieferant für Kunststoffteile für die wichtigsten Autohersteller der Welt, darunter BMW, Audi, McLaren, Seat, Honda, Toyota, Volkswagen, Mercedes und Rolls-Royce. „Unser Geheimnis? Wir sind ein bisschen schneller als die anderen, was in einem wettbewerbsstarken Sektor wie diesem sehr wichtig ist. Außerdem haben wir nie unsere Identität verloren. Auch wenn ich mein Unternehmen an tausend anderen Orten hätte aufbauen können, habe ich mich für Südtirol entschieden, wo ich aufgewachsen bin. Den großen Unterschied machen für mich der hiesige Lebensstil, die kulturelle Vielfalt, die Mehrsprachigkeit und das allgemeine Umfeld“, betont Gerhard.

Alles begann 1998. Gerhard hatte bereits langjährige Erfahrungen im Formen- und Prototypenbau gesammelt, zunächst für Seeber, einem Vorreiter in der Branche der Automobilzulieferer, und später für die internationale Röchling Gruppe, die sich infolge der Übernahme von Seeber in Südtirol niederließ. Daher hatte er von Anfang an eine klare Vorstellung von den Bedürfnissen des konkurrenzstarken Automotive-Marktes. Außerdem wusste er, dass er auf umfassende Erfahrung, hohe Innovationsfähigkeit und Flexibilität bauen konnte. Basierend auf diesen Voraussetzungen gründete er sein Unternehmen im TIS Business Incubator — heute Business Incubator von IDM Südtirol — welcher in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert. Ein doppeltes Jubiläum also: „Es waren intensive und erfolgreiche Jahre. Wir waren immer wie eine große Familie und überzeugt davon, dass wir es schaffen würden. Wir wollten uns selbst und den anderen beweisen, dass unsere Intuition auf dem Markt Früchte tragen würde. Und so war es auch: ich musste mir die Arbeit nie suchen, die Aufträge kamen stets zu mir“, berichtet Gerhard. 

Aufträge von den ganz Großen der Automobil-Branche

Nicht zuletzt ist auch der Ruf eines Unternehmens seine beste Visitenkarte: Tratter Engineering konnte sich schnell einen Namen in der Branche machen, auch dank seines Standortes in einer Region, die heute als zweites Motor Valley Italiens bekannt ist, nämlich Südtirol. Neben diesem idealen Umfeld bietet das Unternehmen exzellenten Formenbau, kleine und große Bauteilserien aus bestem Thermoplast sowie die Anfertigung von Prototypen auf Anfrage, die den Herstellern immer höhere technische Standards ermöglichen. Ein akkurates Quality Management garantiert gleichzeitig für die Qualität sämtlicher Produkte und Herstellungsphasen. Dank dieser Merkmale begann im Jahr 2003 auch die Zusammenarbeit mit einem der ganz großen Namen in der Automobilbranche: Rolls Royce. Damit erhielt Tratter Engineering, das bisher durch die Zusammenarbeit mit Röchling vor allem auf dem deutschen Markt präsent war, auch Zugang zum britischen Markt. Von hier aus war der Weg nach Europa und in die ganze Welt dann nicht mehr weit: USA, Südkorea, Malaysia, Brasilien, Mexiko und China. „Wir sind zwar ein kleines Unternehmen“, bemerkt der Geschäftsführer bescheiden, „halten aber mit den großen Betrieben Schritt, weil wir die Bedürfnisse unserer Kunden in kürzester Zeit erfüllen. Die Bereiche Beratung, Planung und Produktion werden kontinuierlich den neuesten Innovationen angepasst. Wir haben ein flexibles, kompetentes und eingespieltes Team, das die Marktanforderungen oft bereits im Voraus erkennt. Außerdem sind wir ehrlich gegenüber den Kunden: wir nehmen nur Aufträge an, bei denen wir sicher sind, dass wir sie auf bestmögliche Weise ausführen können. Dank dieser Eigenschaften konnten wir zu einem international bedeutenden Unternehmen für die Herstellung und den Entwurf von Kunststoffteilen werden. Heute gibt es eigentlich keine Anfrage mehr, die wir nicht umsetzen können“. 

International tätiges Unternehmen für die Entwicklung und Produktion von Kunststoffteilen

Dank der über 20-jährigen Erfahrung in der Branche reichen die Tätigkeiten von Tratter Engineering von der Herstellung und Entwicklung der Komponenten (Belüftungskanäle, Motorabdeckungen, Kraftstoffleitungen, Saugrohrhalter, Ladeluftkühlerschläuche, Armaturenbretter, Kofferraumabdeckungen usw.) bis hin zur Beratung bei technischen und gewerblichen Aspekten, wobei die Kunden in allen Phasen der Produktentwicklung umfassend betreut werden. Basierend auf dem Entwurf erfolgt die individualisierte Serienfertigung inklusive abschließender Validierung. Der Jahresumsatz des Unternehmens beträgt über 30 Millionen Euro mit einer Wachstumsrate von 5% und einem stetigen Anstieg der Beschäftigtenzahl: „Wir haben zu zweit begonnen. In Italien haben wir es heute auf 48 Mitarbeiter gebracht, und in Österreich, wo wir eine Zweigniederlassung eröffnet haben, sind derzeit 80 Arbeitnehmer beschäftigt“, erläutert Gerhard und weist darauf hin, dass er immer auf der Suche nach neuen Mitarbeitern ist. „Es gibt kaum eine andere Branche, die sich so schnell entwickelt wie der Automobilsektor: um weltweit mitzuhalten und sogar einen Schritt voraus zu sein, muss man in kompetentes Personal investieren. Wenn ich einen fähigen Mitarbeiter finde, stelle ich ihn ein, lasse ihn von einem Tutor betreuen und sorge dafür, dass er sich entwickeln kann. Denn ich habe mehr Vertrauen in das Talent, den Charakter und die Entschlossenheit einer Person als in ihren Universitätsabschluss.“

Tratter Lüftungsgitter für VW

Auf dieser Philosophie basiert die gesamte Unternehmensorganisation. „Ich bin überzeugt“, erklärt der CEO, „dass man aus der eigenen Arbeit Befriedigung schöpfen muss. Nur so ist es möglich, sie nicht als Last zu empfinden, sondern als eine Tätigkeit, die einen begeistert. In meinem Unternehmen gibt es keine vorgegebenen Arbeitszeiten, gleichzeitig werden aber auch keine Überstunden bezahlt. Meine Mitarbeiter können während der Arbeitszeit Tischtennis und Kicker spielen und dafür samstags zum Arbeiten kommen: mich interessieren keine strengen Regeln, ich setze auf Enthusiasmus, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein. Vor allem aber möchte ich Angestellte, die sich an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen.“ 

Arbeiten im Grünen mit Blick auf die Berge

Daher wurde der neue italienische Firmensitz im Bozener Süden 2016 auch ganz nach seinen Wünschen errichtet: 4.500 m² verglaste Flächen, die mit Wasserkraftenergie mit extrem niedrigem CO2-Ausstoß versorgt werden. Der Produktionsbereich befindet sich im Erdgeschoss und die Büroräume im obersten Stockwerk. Von hier aus haben die Mitarbeiter einen herrlichen Ausblick. Und zwar auf eine idyllische grüne Wiese mit anliegendem Gemüsegarten. Richtig: die große Terrasse des Firmengebäudes ist komplett begrünt. „Das war das Erste, was ich zum Architekten sagte: ‚Von meinem Büro aus möchte ich einen Blick ins Grüne haben, das Gleiche wünsche ich mir für alle anderen Mitarbeiter‘. Ein enger Kontakt mit der Natur - auch bei der Arbeit - ist ein Luxus, den wir uns in Südtirol erlauben können und den wir stets pflegen sollten“, betont Gerhard. Neben Wiese, Pflanzen und Blumen ist die grüne Terrasse auch mit Sofas, Sesseln und Kicker ausgestattet. Außerdem durften seine Mitarbeiter die Büroräume vor ihm auswählen. „Eine Tischtennispartie gehört bei uns zum Alltag - aber inzwischen sind sie alle besser als ich“, scherzt Gerhard, der in keiner Weise besorgt ist, dass sich die Produktivität seiner Mitarbeiter auf diese Weise verschlechtern könnte, im Gegenteil: „Ich bin überzeugt, dass sie auf diese Weise weitaus effizienter und enger zusammenarbeiten und das Unternehmen als integrierenden Bestandteil ihres Lebens ansehen. Ein bisschen wie eine Familie.“ Tratter Engineering belegte daher auch nicht zufällig den ersten Platz beim Top Company Award 2017 in der Kategorie „Medium Enterprises“ in Bezug auf die Mitarbeiterzufriedenheit und hat einen äußerst geringen Personalwechsel. Dieses Ergebnis ist auch dank des regionalen Umfelds möglich. „Ich hätte das Unternehmen auch anderswo gründen können, habe mich aber für Südtirol entschieden, weil das Arbeiten nirgendwo so angenehm ist wie hier: der Lebensstil, die Mentalität, die Mehrsprachigkeit, die Natur und das allgemeine Umfeld sind hierbei von großer Bedeutung“, erläutert er und weist darauf hin, dass in Bozen zusätzlich die Möglichkeit des direkten Kontakts mit Forschungseinrichtungen wie beispielsweise Eurac Research besteht, bei dem auch neue Prototypen für andere Sektoren erprobt werden können. Seit einiger Zeit hat Tratter Engineering begonnen, Kunststoffteile für die Medizinbranche zu entwickeln. „Wir haben mit Wissenschaftlern von Eurac und der Universität Innsbruck zusammengearbeitet und dank der Unterstützung der Autonomen Provinz Bozen ein neues Produkt für die Zellkonservierung patentiert. Außerdem arbeiten wir an verschiedenen weiteren Projekten und haben 2018 über eine Million Euro in Forschung und Entwicklung investiert.“ Dazu kommen 80 000 Euro, die jährlich für die Weiterbildung des Personals aufgewandt werden, wobei sogar ein Englischlehrer direkt ins Unternehmen kommt. Sprachkenntnisse sind auch bei der Einstellung neuer Mitarbeiter wichtig. Im Allgemeinen stehen sowohl die Weiterentwicklung des Unternehmens als auch des Personals im Mittelpunkt: „Da wir uns in einem ständigen Wachstum befinden, will ich meinen Mitarbeitern keine Grenzen oder Schranken setzen. Ich möchte kreative Leute, die nie aufhören, etwas zu wagen oder zu erneuern. Wir können Verkrustungen nur entgegenwirken und auf dem Markt vorne dabei sein, indem wir immer wieder neue Produkte entwickeln und unsere Unternehmenskultur pflegen. Technik kann man erlernen“, bemerkt Gerhard abschließend, „die Motivation kommt vom Herzen.“

Fact Sheet

Tratter Engineering ist ein 1998 gegründetes Unternehmen für die Entwicklung von Kunststoffteilen, das insbesondere im Automotive-Bereich tätig ist. Es stellt seinen Kunden eine breite Auswahl an Lösungen für den Formenbau zur Verfügung und berät sie in Bezug auf die Materialwahl, die Planung, den Entwurf und Machbarkeitsstudien. Der gesamte Produktionsprozess basiert auf strengen Standards und garantiert auch komplexe Fotogravuren. Dank erfahrener Manager und Partner kann das Unternehmen komplette Formenpakete für die Herstellung aufwendiger Module wie Cockpits und Mittelkonsolen anbieten. Zu den Formpressverfahren gehören Spritzguss und 2K-Spritzguss, Gasinnendruck- und Sandwich-Spritzguss, sowie traditionelles Blasformen und 3D Vakuum-Blasformen. Weitere Bearbeitungsverfahren des Unternehmens sind Thermokompression, Ultraschall-, Heizelement-, Vibrations- und Infrarotschweißen, Lackierung, Verchromung, Tampo-print, Zusammenbau u.v.m. Jede Lieferung versteht sich inklusive Validierung und Zertifizierung, sowie weiterer Dienstleistungen, wie der Schulung qualifizierter Techniker und Auditors gemäß den Automotive-Standards. Das Unternehmen hat zwei Firmensitze: einen in Italien, in Bozen, und einen in Österreich, in Rankweil.