Talente

22 August 2018IDM

Reinhold Messner, ein Leben in der Vertikalen: „Innovation? Die Fähigkeit dazu haben wir Südtiroler von unseren Vorfahren“

Die Bergsteiger-Ikone im Gespräch mit Vertical Innovation: „In Südtirol haben wir die Fähigkeit und den Hang zur Innovation, denn das Leben in ständiger Auseinandersetzung mit dem Berg setzt Energien frei und Kreativität“

„Alles, was ich mache, habe ich an der Vertikalen gelernt, denn ich bin in den Bergen aufgewachsen. Hier habe ich auch den Instinkt entwickelt, Grenzen zu überschreiten und neue Wege zu gehen.“ Mut, Kreativität und die Fähigkeit, aus einem schwierigen Terrain das Beste herauszuholen. Das sind nur einige der Eigenschaften, die Reinhold Messner, einer der bekanntesten Bergsteiger der Welt, mit seiner Heimat Südtirol und dem Konzept von Innovation verbinden. Keinem ist es wie Messner gelungen, sich selbst immer wieder neu zu erfinden und in allen Bereichen, in denen er sich betätigte, bahnbrechende Innovationen einzuführen: angefangen vom Höhenbergsteigen, wo er der Erste war, der ohne zusätzlichen Sauerstoff auf über 8000 Meter stieg, bis hin zu einem einzigartigen Museumsprojekt, das sich mit der Beziehung zwischen Berg und Mensch auseinandersetzt und an atemberaubenden Locations in Südtirol realisiert wurde. Auf Schloss Sigmundskron bei Bozen, dem Herzstück des Messner Mountain Museums, traf Vertical Innovation diesen außergewöhnlichen Menschen, der heute, ohne Zweifel, eine Art lebende Legende des Alpinismus ist. 

Für Reinhold Messner sind die Begriffe „Veränderung“ und „Innovation“ eine Art roter Faden, der sich durch sein Leben zieht. Er selbst drückt es so aus: „Sich zu wiederholen, ist langweilig.“ Auch nachdem er alle 14 Achttausender der Erde bestiegen hatte, wurde Messner nie müde, neue Herausforderungen zu suchen. Als Entdecker – er durchquerte zu Fuß Sand- und Eiswüsten in den entlegensten und extremsten Gebieten der Erde -, als Politiker und Umweltschützer oder, wie er sich selbst bezeichnet, als „Bergbauer“. Sein ständiger Unternehmungsdrang machte ihn aber auch zum Autor und Regisseur sowie zum Schöpfer eines Museumskomplexes mit sechs außergewöhnlichen Ausstellungsorten, die „direkt dort gebaut wurden, wo die Natur sie trägt“ (zum Beispiel auf einem Felsen oder unter einem Gletscher). Ein Projekt, das entgegen vieler Prognosen auf Anhieb ein riesiger Erfolg war und noch heute ist. „Die treibende Kraft all dieser Unternehmungen“, erzählt der 73-Jährige, „war der Wunsch, Grenzen zu überschreiten, neue Wege einzuschlagen und in meinem Leben genau die Dinge zu tun, die mir wirklich Spaß machen.“ 

Auf den Gipfeln der Welt

Doch eines nach dem anderen: Reinhold, geboren 1944, wuchs im Villnößtal unter der Geislergruppe als zweites von insgesamt neun Geschwistern auf und begann bereits mit fünf Jahren zu klettern. Seinen ersten Dreitausender bestieg er gemeinsam mit seinem Vater. „In meinen ersten 10 Lebensjahren hat sich dieser Instinkt entwickelt, der später die Grundlage für mein Leben als Bergsteiger bilden sollte sowie für alle anderen Herausforderungen, denen ich mich stellte: ein Überlebensinstinkt, der dich zu Höchstleistungen anstachelt“, erzählt er uns im Innenhof von Schloss Sigmundskron. Ein Ort, an dem man ganz automatisch auf das Bergsteigen zu sprechen kommt: von hier aus bietet sich ein herrlicher Ausblick sowohl auf Bozen, die Hauptstadt Südtirols, als auch auf die umliegenden Berge, von den Sarntaler Alpen und der Texelgruppe bis hin zu den Dolomiten, mit dem majestätischen Schlern und der Rosengartengruppe. Der junge Bergsteiger Messner wird mit der Zeit immer besser. Und auch ambitionierter. Vom Villnößtal zieht es ihn in die restlichen Dolomiten und schließlich in den gesamten Alpenraum, wo er einige der schwierigsten Steilwände durchsteigt. Aber bald reicht ihm das nicht mehr und er stürzt sich in neue Abenteuer. „Bis zum Alter von 25 Jahren habe ich mich hauptsächlich auf das Felsklettern konzentriert“, erzählt er weiter. „Dann zog ich los, um die höchsten Berge der Welt zu besteigen.“ Und genau damit wurde er berühmt, da ihm etwas gelang, das Ärzte, Physiologen und Generationen von Bergsteigern bis dahin für unmöglich gehalten hatten: 1978 erreicht er — zusammen mit dem Österreicher Peter Habeler — den Gipfel des Mount Everest, der höchste Berg der Erde, ohne zusätzlichen Sauerstoff und mit minimaler Ausrüstung. Zwei Jahre später wagt er das gleiche Abenteuer im Alleingang. 1986 wird Messner mit dem Titel „König der Achttausender“ gekrönt, da er es als Erster geschafft hatte, alle 14 Achttausender der Welt zu bezwingen. Aber was viele wahrscheinlich als den Gipfel der eigenen Karriere betrachtet hätten, war für den Grenzgänger und Abenteurer nur der Anfang. „Mit 40 Jahren habe ich das Extrembergsteigen aufgegeben. Denn ich hatte inzwischen alles erreicht – ich hätte mich nur wiederholen können“, erklärt der Südtiroler. „Also suchte ich mir andere große Herausforderungen in der Antarktis, in Grönland und in der Wüste Gobi.“ 

(Foto: Simon Messner)

Immer einen Schritt voraus

Nicht nur Abenteuer und Expeditionen zu den extremsten Orten der Welt. Reinhold Messner hat sich im Laufe seines Lebens immer wieder neu erfunden und die Bandbreite seiner Aktivitäten erweitert. Und das auf den unterschiedlichsten Ebenen: er widmete sich der Erforschung heiliger Berge in aller Welt und war fünf Jahre lang als Europapolitiker in Brüssel aktiv. Darüber hinaus schreibt er Bücher und reist um die Welt, um als Redner an Konferenzen und internationalen Kongressen teilzunehmen. Mit 72 Jahren stellt er sich einer neuen Herausforderung: er debütiert als Regisseur und dreht zwei überaus erfolgreiche Dokumentarfilme. Hauptziel seiner Tätigkeit als Autor, Redner und Regisseur, so Messner, sei es „erlebte Geschichten zu erzählen, um einen Dialog zwischen dem Publikum, den Bergen und ihren Protagonisten herzustellen.“ Denn nur in den Bergen fühlt er sich wirklich zu Hause und die Menschen, die hier leben, liegen ihm stark am Herzen. So wie beispielsweise die Bergbauern. Denn Messner ist einer von ihnen. Seit Anfang der 90er Jahre betreibt er einen Selbstversorger-Bauernhof unterhalb von Schloss Juval, seinem Wohnsitz, an dem auch der erste Standort des Messner Mountain Museums entstand. Ein nachhaltiges Landwirtschaftsprojekt, das auf dem Prinzip der Selbstversorgung und dem Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur basiert. Auch bei dieser Unternehmung erwies sich der Südtiroler als innovativer Visionär, der seiner Zeit immer einen Schritt voraus ist: 2005 eröffnet er gemeinsam mit anderen Landwirten aus dem Vinschgau den „Vinschger Bauernladen“, eine der ersten Genossenschaften für den Direktverkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnissen in Südtirol: vom Hof zum Endverbraucher ohne Zwischenhandel und lange Transporte.

„Das Leben in stetiger Auseinandersetzung mit den Bergen setzt Energien und Kreativität frei“

„Ohne all diese Aktivitäten hätte ich nie das Messner Mountain Museum gründen können: es ist die Summe all meiner Erfahrung“, erklärt der Extrembergsteiger. „Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen der Besteigung all dieser Achttausender und dem Aufbau dieses Museums. Immer folgte ich meinem Enthusiasmus.“ Und genau darin liegt, so scheint es, das Geheimnis dieses Ausnahmemenschen, der nicht nur sein Leben stets selbst in die Hand genommen und aktiv gestaltet hat, sondern auch seine unternehmerischen Aktivitäten. Denn auch wirtschaftlich gesehen hatte Reinhold Messner mit seinen unzähligen Unternehmungen großen Erfolg. Man denke nur an sein Museum, das jedes Jahr über 200.000 Besucher aus aller Welt anzieht, oder an seine millionenfach verkauften Bücher. „Wenn man Dinge tut, die einem Spaß machen und für die man begabt ist, dann stellt sich auch der Erfolg ein“, so Messner. Wir fragen ihn deshalb, ob es eine Parallele zwischen dem Bergsteigen und dem Betrieb eines Unternehmens gibt. „Ja“, sagt er mit Überzeugung. „In beiden Fällen braucht man Kreativität und die Fähigkeit zum Risikomanagement. Wenn man zu den ersten gehören will, muss man die Fähigkeit haben, vorausschauend in die Zukunft zu blicken.“ Um für die Zukunft gewappnet zu sein, braucht man jedoch auch umfassende Kenntnisse dessen, was früher war. „Man muss das Gestern kennen, um etwas wirklich Neues zu entwickeln.“ Das gilt insbesondere für seine Karriere als Bergsteiger, bei der er einen Rekord nach dem anderen aufstellte: „Ich habe mich intensiv mit der Geschichte des Alpinismus beschäftigt. Darauf aufbauend habe ich mir Ziele gesetzt, die ich dann nach und nach realisieren konnte.“ Eine Denk- und Herangehensweise, die sich auch auf seine Heimat Südtirol anwenden lasse. „Wenn wir innovativ in die Zukunft gehen wollen, müssen wir unsere Geschichte kennen“, bekräftigt er und gibt zu, dass es der kleinen Alpenregion im Bereich der Innovation sicher nicht an Potential mangelt. Die Erklärung hierfür liegt in der Vergangenheit. „Wir Südtiroler stammen von Eltern, Großeltern und Urgroßeltern ab, die ihr Leben in stetiger Auseinandersetzung mit den Bergen führen mussten. Genau diese Reibung setzt Energien und Kreativität frei“, erklärt er und fügt hinzu: „Die Bergbauern mussten lange Zeit alles selbst machen. Es gab keine Fachkräfte und keine Arbeitsteilung. Sie waren Selbstversorger, und aus dieser Selbstständigkeit entstand die Fähigkeit und die Neigung zur Innovation, welche in Südtirol heute noch überall zu finden sind“, erklärt Messner und fährt fort: „Wir haben heute eine unglaubliche Menge an exzellenten Handwerkern für die Holz-, Stein- und Stahlverarbeitung. Unsere Betriebe gehören zu den besten in Europa und exportieren in alle Welt. Außerdem sind dank dieser Innovationsfreude viele Unternehmen im Technologiebereich entstanden, die herausragende Produkte entwickeln und damit sowohl das Leben in den Bergen als auch andernorts erleichtern.“ 

Wenn Messner von den Südtirolern spricht, will er jedoch keine Vergleiche anstellen: „Wir sind nicht besser oder schlechter als andere, wir sind einfach etwas ganz Eigenständiges.“ Abschließend bemerkt er: „Den Wirtschaftsstandort Südtirol machen in erster Linie die 500.000 Südtiroler aus, die hier leben und die in aller Welt für ihren Fleiß, ihre Genauigkeit und ihre Zuverlässigkeit bekannt sind“, und er fügt mit einem Lächeln hinzu: „Als Grenzgebiet zwischen Italien und dem deutschsprachigen Raum, haben wir jeweils das Beste aus beiden Kulturen übernommen und darüber bin ich sehr froh.“

Fact Sheet

Reinhold Messner

Reinhold Messner, 1944 in Südtirol geboren, bestieg bereits als 5-Jähriger in Begleitung seines Vaters den ersten Dreitausender. Nach seinem Technik-Studium arbeitete er kurze Zeit als Mittelschullehrer, ehe er sich ganz dem Bergsteigen verschrieb. Ein Leben als Grenzgänger folgte. Seit 1969 unternahm er mehr als hundert Reisen in die Gebirge und Wüsten dieser Erde. Er schrieb vier Dutzend Bücher. Ihm gelangen viele Erstbegehungen, die Besteigung aller 14 Achttausender sowie der „seven summits“, die Durchquerung der Antarktis, der Wüsten Gobi und Takla Makan sowie die Längsdurchquerung Grönlands. Im Gegensatz zu modernen Abenteurern geht es Reinhold Messner weniger um Rekorde als vielmehr um das Ausgesetztsein in möglichst unberührten Naturlandschaften und das Unterwegssein mit einem Minimum an Ausrüstung. Er folgte dem von Albert Frederick Mummery proklamierten „By fair means“ am Nanga Parbat, Fridtjof Nansens “Ruf des Nordens” ins Packeis der Arktis und durchquerte die Antarktis über den Südpol nach einer Idee von Ernest Henry Shackleton. Den Möglichkeiten des Kommunikationszeitalters setzt er sein Unterwegssein als Fußgänger gegenüber und verzichtet auf Bohrhaken, Sauerstoffmasken und Satellitentelefon – ein Anachronismus zwar, der aber der Wildnis ein unerschöpfliches Erfahrungspotential bewahrt. Als Kommentator im Fernsehen sowie als Vortragsredner ist er von Alpinisten, Touristikern, Wirtschaftsführern weltweit begehrt. Von 1999 bis 2004 war Messner darüber hinaus politisch tätig, als unabhängiger Abgeordneter für die italienischen Grünen im Europäischen Parlament in Brüssel. In den letzten 20 Jahren widmete sich Reinhold Messner seinem Projekt Messner Mountain Museum (MMM) sowie seiner Stiftung (MMF), die Bergvölker weltweit unterstützt. Und seit einiger Zeit widmet er sich nun auch dem Bergfilm: als Autor, Regisseur und Produzent. 2016, mit 71 Jahren, debütierte er als Regisseur mit dem Film „Still Alive - Drama am Mt. Kenya“, dessen Geschichte die dramatische Bergungsaktion eines jungen österreichischen Bergsteigers erzählt, der fast zwei Wochen auf seine Rettung wartete. 2018 folgte der zweite Dokumentarfilm „Holy Mountain“, der beim 66. Trento Film Festival seine Weltpremiere feierte.

Messner Mountain Museum

Das Messner Mountain Museum besteht aus sechs außergewöhnlichen Standorten in Südtirol und der Provinz Belluno, die das Thema „Berg und Mensch“ jeweils unter einem anderen Aspekt beleuchten. Auf SchlossJuvalim Vinschgau wurde 1995 der erste Sitz des Messner Mountain Museums eröffnet. Das MMM Juval ist dem Mythos Berg gewidmet. Innerhalb der antiken Mauern von Schloss Sigmundskron bei Bozen ist das MMM Firmian untergebracht. Es erzählt von großen Besteigungen und setzt sich mit der Entstehung und Erosion der Berge auseinander. Das MMM Ortles liegt in Sulden, am Fuße des Ortlers. Dieser Standort des Messner Mountain Museums ist in einem modernen, unterirdischen Bau untergebracht, dessen Struktur dafür sorgt, dass sich der Besucher wie in einer Gletscherspalte fühlt. Hier dreht sich alles um das Eis, von den Mythen der Schneemenschen bis zur Geschichte und Evolution der Eisgeräte. Das MMM Dolomites auf dem Monte Rite (2181 m) im Herzen der Dolomiten zwischen Pieve di Cadore und Cortina d'Ampezzo ist der Erschließungsgeschichte und dem Alpinismus in den Dolomiten gewidmet. Im MMM Ripa auf Schloss Bruneck erhalten die Besucher einen Einblick in das Leben und die Traditionen der Bergvölker. Das sechste und gleichzeitig jüngste Museum ist das MMM Corones. Der unverwechselbare Bau wurde von der Stararchitektin Zaha Hadid entworfen und liegt auf dem Gipfelplateau des Kronplatzes (2275 m) zwischen dem Puster- und dem Gadertal. Thema ist der traditionelle Alpinismus, den Reinhold Messner wie kein Zweiter geformt und beeinflusst hat.