Innovationen

23 November 2018IDM

Alpine Expert Days, mit Technologie und Innovationen gegen Naturgefahren

Jeder Euro, der in die Prävention investiert wird, spart neun Euro bei der Behebung von Schäden. Und über eine Online-Plattform vernetzen sich Unternehmen, Wissenschaftler und Experten, um gemeinsam neue Lösungen zu entwickeln

Es war am 9. August 1921 um 18 Uhr, als der Tinnebach, ein Zufluss des Eisacks, in knapp einer halben Stunde mehr als drei Millionen Kubikmeter Schlamm, Holz und Schutt in die Südtiroler Gemeinde Klausen schwemmte. Die Gebäude der Altstadt wurden bis in die ersten Stockwerke überflutet, die Straßen blieben mehrere Monate lang unter Wasser. Es war eine Katastrophe, die Klausen nie vergessen hat. 

Seitdem sind fast 100 Jahre vergangen, und Südtirol ist immer noch eine Region, die Naturgefahren stark ausgesetzt ist. Und es ist eine Region, in der der Mensch deshalb lernen musste, besondere Kompetenzen im Umgang mit Naturgefahren zu entwickeln, um in Sicherheit leben zu können. Ein Beispiel für diese Bemühungen ist die Plattform Alpine.expert, die vom Ecosystem Sports & Alpine Safety von IDM Südtirol – Alto Adige geleitet wird, und das Ziel hat, die Player der Alpine Technologies im Land zu vernetzen. Player, die sich am 13. und 14. November im NOI Techpark in Bozen getroffen haben, um an den Alpine.expert days teilzunehmen, zwei Tagen im Zeichen des Umgangs mit Naturkatastrophen inklusive einer Fachexkursion nach Klausen, Symbolgemeinde für Umwelt-Herausforderungen.

„Die Alpine.expert days wurden anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Gefahrenzonenplanung in Südtirol organisiert, ein System das im Laufe der Jahre seine Nützlichkeit beim Management hydrogeologischer Instabilität bewiesen hat. Hundert Experten, darunter Techniker, Wissenschaftler und öffentliche Verwalter, haben sich ausgetauscht, um zu verstehen, wie die Herausforderungen der Zukunft angegangen werden können, auch dank der Möglichkeiten durch neue Technologien“, erklärt Sebastian Mayrgündter, Koordinator des Ecosystems Sport & Alpine Safety von IDM.

Foto: Marion Lafogler

„Jeder Euro, der in die Prävention investiert wird, spart neun Euro bei der Behebung von Schäden“

Vorbeugen ist nämlich besser als heilen – auch in diesem Bereich: Jeder Euro, der in die Prävention investiert wird, spart neun Euro bei der Behebung von Schäden. Dabei sind es vor allem auch die aktuellen Geschehnisse, die daran erinnern, wie wichtig es in einem Gebiet wie Südtirol ist, diese „Regel“ zu respektieren – einer alpinen Region, in der die Bevölkerung stetig verschiedenen Naturgefahren ausgesetzt ist: von Lawinen über Hochwasser bis hin zu Steinschlag. Im gesamten Alpenbogen wird deshalb bereits seit Jahrhunderten an immer ausgeklügelteren Methoden gearbeitet, um bewohnte Gebiete und Infrastrukturen zu schützen. In diesem Sinne reicht es zu wissen, dass Südtirol heute 530.000 Einwohner zählt, zu denen jedes Jahr sieben Millionen Besucher kommen, die im Schnitt täglich mit 40.000 Fahrzeugen verkehren. „In diesem Zusammenhang ist es wichtig, über einen nachhaltigen Schutz vor Naturgefahren nachzudenken. Im Verhältnis zwischen Mensch, Bergen und Technik ist es notwendig, neue Lösungen zu entwickeln und auf Veränderungen, insbesondere den Klimawandel, zu reagieren. Daher ist die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren unerlässlich, damit ihr Know-how für die Entwicklung innovativer Lösungen gebündelt wird", betont Mayrgündter.

„Die dramatischste Erinnerung für Klausen ist jene an 1921, als die Altstadt mit Schlamm und Schutt überflutet wurde und der Wasserstand den ganzen Winter über hoch blieb“ 

Und so wurden bei den Arbeitssessions der Alpine.expert days verschiedene Ideen für die Zukunft entwickelt. Eine der wichtigsten betrifft die Kommunikation: Es ist notwendig, die Gesellschaft stärker einzubeziehen, angefangen bei den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehren, die bei gefährlichen Situationen oft als erste vor Ort sind. Durch die stärkere Einbeziehung sollen die Bürger informierter und sensibler werden, zugleich wird ihnen Verantwortung übertragen, damit sie wissen, wie sie sich im Gefahrenfall zu verhalten haben und wie sie mit einer solch besonderen Umgebung umgehen müssen. 

Nicht von ungefähr fand der zweite Tag der Alpine.expert days in Klausen statt, einer Stadt, die seit jeher zwei großen Risiken ausgesetzt ist: Überschwemmung und Steinschlag. „Die dramatischste Erinnerung für unsere Gemeinde ist jene an 1921, als die Altstadt mit Schlamm und Schutt überflutet wurde und der Wasserstand den ganzen Winter über hoch blieb, sodass die Kinder gezwungen waren, mit Booten zur Schule zu kommen“, erzählt Bürgermeisterin Maria Gasser Fink. Seitdem hat der Eisack nie aufgehört, seine Wucht spüren zu lassen. Doch dank einer sorgfältigen Gefahrenzonenplanung und dem Bau von speziellen mobilen Wänden für den Hochwasserschutz, die in Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro in.ge.na realisiert wurden, wird die Situation unter Kontrolle gehalten. Die Stadtverwaltung hat 2,5 Millionen Euro in das Monitoring und die Sicherung von Gebieten investiert, die von Rutschungen bedroht sind. Begleitet werden diese Maßnahmen von der Installation von Steinschlagschutznetzen, Hochwasserschutzwänden und Lawinenschutzwänden.

„Eine der Hauptaufgaben der Gemeinden in Südtirol ist das Management von Naturgefahren. Als Bürgermeisterin fühle ich eine große Verantwortung: Bei einer Überschwemmung gewinnt die Angst häufig Oberhand. Man atmet sogar eine andere Luft, eine bitterere und stechendere als üblich. Es ist, als würde der Schlamm direkt in die Lungen gelangen. Deshalb ist es wichtig, dass die Bürger in diesem Zusammenhang wissen, dass sie nicht alleine und wir für alle Eventualitäten gerüstet sind. Aus diesem Grund“, führt die Bürgermeisterin aus, „habe ich mich entschieden, sie in öffentlichen Versammlungen und Einzelgesprächen einzubeziehen. Ich bin überzeugt davon, dass die Kommunikation – in Kombination mit einer effektiven Gefahrenzonenplanung – die Grundlage für alle Schutzmaßnahmen ist. Dadurch, dass sich meine Mitbürger sicher fühlen, handeln sie weniger leichtsinnig." Diese Strategie umfasst auch die Koordination mit dem Zivilschutz, der darüber informiert ist, in welchen Häusern auf Gemeindegebiet sich ältere Menschen oder solche, die sich nicht selbstständig bewegen können, befinden, sodass sie im Falle einer Evakuierung umgehend in Sicherheit gebracht werden können. 

„MAVTech hat eine Drohne entwickelt, die einen Multispektralsensor zur Erfassung von Bodeninformationen einsetzt“

Eine gut geölte Maschine also, der durch neue Technologien zusätzliche Hilfestellungen gegeben werden können, wie sich an den beiden Alpine.expert days herausgestellt hat. Zum Beispiel durch Wequi, einer neuen Methode zur Bewertung von Flussökosystemen, die von Maccaferri Innovation CenterMAVTech, Naturstudio und der Freien Universität Bozen im Rahmen des EFRE-Projekts WEQUAL entwickelt wurde. „Mit Wequi möchten wir die Art zu projektieren verändern, indem wir die Entscheidungen der Projektanten in Richtung mehr Sicherheit und effektiverem Umweltschutz lenken. Unsere Methode“, erklärt Nadia Zorzi vom Maccaferri Innovation Center, „ermöglicht die Beurteilung der ökomorphologischen Qualität eines Wasserlaufs, indem sie sowohl über den aktuellen Zustand als auch über den zukünftigen Auskunft gibt und die Interventionen auf Grundlage dieser Analyse ausrichtet." 

Foto: Marion Lafogler

Das System bedient sich verschiedener Instrumente, unter anderem auch High-Tech-Sensoren, die an Drohnen von MAVTech montiert sind, einem im NOI Techpark inkubierten Start-up. „MAVTech hat eine Drohne entwickelt, die einen Multispektralsensor zur Erfassung von Bodeninformationen mit Spektralkamera mit hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung einsetzt“, führt Gianluca Ristorto, Co-Founder des Start-ups aus. „Dadurch erhält man multispektrale Orthofotos, zusammengesetzte Bilder und vegetative Indizes, die in andere digitale Geländemodelle integriert werden können, um die Umweltqualität des Flussgebiets zu bewerten.“ Es handelt sich demnach um eine Art Vergrößerungsglas mit maximaler Potenz. 

Das „Sentinel Alpine Observatory“ von Eurac Research zur Überwachung der Umweltdynamik in den Alpen

Südtirol hält aber noch weitere Innovationen bereit, etwa das Projekt Sentinel Alpine Observatory (SAO), das von einem der wichtigsten Forschungszentren der Region entwickelt wurde, Eurac Research. Es handelt sich bei SAO um eine Beobachtungsstelle, die Satellitendaten und insbesondere die Daten des COPERNICUS-Programms der Europäischen Weltraumorganisation ESA zur Überwachung der Umweltdynamik in den Alpen nutzt. Von verschneiten Oberflächen bis zu Bodenfeuchtigkeit, von Vegetationsindizes bis zu Waldänderungskarten: Alle Daten, die der „Wächter der Alpen“ zur Verfügung stellt, sind über eine Webplattform abrufbar und können genutzt werden, um mittels Cloud-Computing-Diensten benutzerdefinierte Analysen durchzuführen.

Das Start-up Yetitmoves hingegen hat „Displayce“ entwickelt, eine auf dem Internet der Dinge (Internet of Things/IoT) basierende Lösung zur Überwachung kritischer Bereiche und Strukturen, die hydrogeologisch instabil sind. Durch die Nutzung von Netzwerken von GPS/GNSS-Empfängern, Übertragungsmodems und Software zur Datenanalyse – mit Kosten, die deutlich geringer sind, als bei traditionellen Systemen – ist es möglich, auch die kleinsten, langsamen Bewegungen von Oberflächen zu erkennen: im Millimeterbereich und mit höchst vertrauenswürdigen Ergebnissen, die in Echtzeit angezeigt werden, um umgehend E-Mail-Benachrichtigungen zu generieren. Es handelt sich um ein umfassendes System, das dank ständiger Weiterentwicklung und neuen Erkenntnissen ein modernes und effektives Management von Naturgefahren gewährleistet, das beispielhaft ist.

Fact Sheet

Die Plattform Alpine.expert

Alpine.expert ist eine Plattform für Südtiroler Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Experten im Bereich alpine Kompetenz. Geleitet wird die Plattform vom Ecosystem Sports & Alpine Safety von IDM Südtirol – Alto Adige. Das Ziel des Ökosystems ist es, die Player in Südtirols Stärkefeld Alpine Technologies zu vernetzen. Alpine.expert ist Teil des Projekts innoalptec (EFRE1060), das durch die Europäische Union und den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert wird. Im Rahmen des Projekts arbeiten Institutionen, Unternehmen und Start-ups zusammen, damit konkrete Lösungen und innovative Produkte entwickelt sowie Tagungen, Exkursionen und „runde Tische“ organisiert werden können. Um neue Technologien für die alpine Sicherheit zu entwickeln, haben die Experten die Labors und Forschungsinstitute des NOI Techparks zur Verfügung – im Besonderen das Accelerated Life Testing Lab, den Maker Space, das Free Software Lab und den terraXcube.

Die Fachtagung Alpine.expert days 2018 wurde vom Ecosystem Sports & Alpine Safety von IDM gemeinsam mit der Agentur für Bevölkerungsschutz, dem Amt für Geologie und Baustoffprüfung, der Abteilung Natur, Landschaft und Raumentwicklung sowie der Abteilung Forstwirtschaft der Autonomen Provinz Bozen und mit der Unterstützung von Bürgermeistern, der Ingenieurkammer, dem Kollegium der Geometer, der Kammer der Agronomen und Forstwirte, der Kammer der Architekten sowie dem Beirat der Geologen veranstaltet.