Food

5 Januar 2018IDM

Von Nahrungs- zu Heilmitteln – und wieder zurück

Es kommt wohl nicht allzu häufig vor, dass sich moderne Biotechnologie auf eine Erkenntnis zurückführen lässt, die fast 2500 Jahre alt ist. „Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein und eure Heilmittel eure Nahrungsmittel.“ Und doch: Das Zitat von Hippokrates von Kos, dem wohl bekanntesten Arzt der Antike, ist heute Leitmotiv eines Biotech-Netzwerkes, das Anfang Dezember gegründet wurde und in Bozen zuhause ist.

Das Netzwerk mit dem Namen „NUTRI-Re“ – eine Anlehnung an den italienischen Begriff für „ernähren“ – vereint derzeit sechs Biotech-Unternehmen aus Südtirol, Venetien, der Emilia-Romagna und Sizilien unter einem Dach. Federführend sind dabei das Bozner Unternehmen LB LYOpharm sowie der Bozner Ableger der Laboratori Clodia, die sich der Entwicklung von Funktions- und medizinischer Nahrung, von Nahrungsergänzungsmitteln und Probiotika verschrieben haben. „Eine korrekte Ernährung ist eine unabdingbare Voraussetzung für einen gesunden Lebensstil und gesundes, aktives Altern“, erklärt dazu Paolo Tosolini, Präsident von LB LYOpharm und Vizepräsident von NUTRI-Re.

„Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein.“

Hippokrates von Kos (460-377 v.Chr.)

Demographie und Ernährung

Überhaupt sind demographische Veränderungen die, die man bei NUTRI-Re vor Augen hat: die Bevölkerung wachse stetig, Menschen würden älter und zugleich ernährungs-bedingte Krankheiten häufiger. Stichworte: Übergewicht, Stoffwechselerkrankungen, Allergien, Lebensmittel-Intoleranzen. All diesen Krankheiten gelte es, durch eine gezielte Ernährung vorzubeugen und dem Körper zuzuführen, was er für ein aktives Leben und Altern brauche. Proteine, etwa, die für die Zellerneuerung notwendig sind: „Bekommt der Körper nicht genügend Proteine über die Nahrung zugeführt, holt er sie sich aus den Muskeln“, erklärt dazu etwa Gianluca Salvadori, leitender Apotheker bei LB LYOpharm. So verliere ein Mensch zwischen dem 25. und dem 65. Lebensjahr rund ein Viertel seiner Muskelmasse. „Durch eine ausgewogene, proteinreiche Ernährung oder durch die Integration der Nahrung mit hochwertigen Proteinen kann man diesem Prozess entgegenwirken“, so Salvadori.

„Mit Molke hat man früher höchstens Schweine gefüttert, heute ist sie Ausgangspunkt für die gezielte Ernährung von Krebspatienten.“

Paolo Tosolini, Präsident von LB LYOpharm

Am Ursprung dieser Proteine steht derzeit übrigens vor allem Molke. Sie ist ein Sinnbild für das Umdenken in der Ernährung, das derzeit stattfindet: „Früher hat man mit Molke höchstens Schweine gefüttert, heute ist sie Ausgangspunkt für die gezielte Ernährung von Krebspatienten“, erklärt Tosolini. Die Gewinnung hochreiner Molkeproteine ist derzeit eines der Standbeine von LB LYOpharm. Und auch ein Verfahren zur Gewinnung von Proteinen aus Erbsen hat man hier entwickelt. Nur: Bisher hatten Proteine – vor allem solche tierischen Ursprungs – einen lästigen Eigengeschmack, „etwas zwischen bitter und ranzig“, so Tosolini. Dank eines weltweit patentierten Verfahrens – eines von vier globalen Patenten des Unternehmens – konnte LB LYOpharm diesen Eigengeschmack eliminieren, weshalb die Produkte des Bozner Biotech-Zwerges nicht nur ohne Konservierungs-, sondern auch ganz ohne künstliche Aromastoffe auskommen – anders etwa als die Produkte der Lebensmittel- und Pharmariesen, die im Functional-food-Markt wüten.

Zucker als neue Gesundheitsbaustelle

Proteine sind allerdings nicht das einzige, worauf sich die rund 20 Mitarbeiter von LB LYOpharm und die Genetiker der Laboratori Clodia konzentrieren. Gemeinsam mit den Partnern von NUTRI-Re hat man sich auf Zucker eingeschossen. „Zucker ist einer der wichtigsten Bestandteile menschlicher Ernährung, allerdings wird derzeit vor allem auf Saccharose, also Kristallzucker, gesetzt“, so Roberto Marchetti, Präsident von NUTRI-Re. Dieser sei wiederum für etliche Krankheiten zumindest mitverantwortlich, allen voran für Diabetes Typ 2 – eine Krankheit, die zu einem immer weiter verbreiteten Problem wird. So gibt es derzeit bereits über 400 Millionen Diabetiker weltweit.

Die Ernährung soll künftig der Schlüssel zum gesunden Leben sein. Sie soll vorbeugen und heilen gleichermaßen.

Für sie ist Saccharose Gift, zugleich trägt eine zu kristallzuckerreiche Ernährung zum Entstehen der Krankheit überhaupt erst bei. NUTRI-Re will dem nun entgegenwirken. In einem breit angelegten Forschungsprojekt, das Anfang 2018 startet, werden Zuckerarten und Süßmittel auf ihre Auswirkungen auf den Stoffwechsel untersucht, es werden Mikroorganismen analysiert, die für den Abbau des Zuckers verantwortlich sind, und deren Zusammenspiel unter die Lupe genommen. Am Ende dieses Forschungsprojekts mit allen beteiligten Partnern soll dann „guter“ Zucker stehen: in Form eines Nahrungsergänzungs- oder Süßmittels. „Dieses Produkt soll den Blutzuckerspiegel nicht erhöhen, damit für Diabetiker verträglich sein, zuallererst aber mit dazu beitragen, dass sich die Krankheit gar nicht erst entwickelt“, so Marchetti. „Es soll also vorbeugen und heilen.“

Südtirol als fruchtbarer Boden – auch für Innovationen

Gerade am Zucker-Forschungsprojekt ersieht man auch, wie wichtig die Eingliederung der beteiligten Unternehmen in das jeweilige Umfeld ist. Im konkreten Fall heißt dies: Südtirol kann und wird zum „guten“ Zucker beitragen, indem es die notwendigen hochwertigen Rohstoffe liefert. „Schließlich kann hochreiner Zucker etwa aus Apfel- oder Traubenresten gewonnen werden“, sagt Marchetti. Und daran fehlt es in Südtirol ganz bestimmt nicht.

Dass also auch der Südtiroler Bauernbund NUTRI-Re mit Interesse verfolgt, ist kein Zufall. Schließlich kann die Biotechnologie auch für die Landwirtschaft neue Chancen eröffnen, neue Märkte erschließen. „Wir stellen hochwertige funktionale Nahrungsmittel her und dafür brauchen wir auch hochwertige Rohstoffe“, so die NUTRI-Re-Vertreter, deren Ziel es ist, die gesamte Herstellungskette unter einem Dach zu vereinen: von der Produktion der Rohstoffe (sprich: der Landwirtschaft) über die Forschung und Entwicklung sowie die Extraktion natürlicher Inhaltsstoffe bis hin zur Produktion von functional food, medizinischer Nahrung oder Nahrungsergänzungsmittel.

„Südtirol ist ein fruchtbarer Boden für Innovation. Hier werden Forschungsprojekte sehr genau angeschaut und danach aufmerksam verfolgt und unterstützt – nicht nur finanziell.“

Paolo Tosolini, Präsident von LB LYOpharm

Und noch einen zweiten Konnex zu Südtirol gibt es: „Südtirol ist ein fruchtbarer Boden für Innovation“, sagt Paolo Tosolini. „Hier werden Forschungsprojekte sehr genau angeschaut und wenn sie für zukunftsträchtig befunden werden, sehr aufmerksam verfolgt und unterstützt – nicht nur finanziell“. Es gehe also nicht nur um Beiträge der öffentlichen Hand für die Forschung und Entwicklung, es gehe auch um den Support, der etwa von Seiten von IDM Südtirol geleistet werde. „Seit es uns gibt, hat IDM für eine optimale Vernetzung gesorgt, hat koordiniert und potentielle Partner auf uns aufmerksam gemacht“, so Tosolini. Im Headquarter von LB LYOpharm in der Bozner Galvanistraße sitzend, zeigt er schmunzelnd über seine Schulter: „Vor wenigen Wochen hat in unserem Nachbargebäude der NOI Techpark eröffnet“, sagt er. „Und wir waren so etwas wie der Embryo des Parks.“