Kultur

20 April 2018IDM

AppleCare: mit Äpfeln gegen Pollenallergien

Ein internationales Forschungsprojekt, das vom Versuchszentrum Laimburg koordiniert wird. Im Mittelpunkt steht eine Therapie, die auf einem „Fehler“ des Immunsystems basiert.

Fehler haben nicht immer (ausschließlich) negative Folgen. Man muss nur die Fähigkeit besitzen, sie zu erkennen und möglicherweise zum eigenen Vorteil zu nutzen. Dies versucht gerade ein Netzwerk aus Wissenschaftlern, das vom Versuchszentrum Laimburg koordiniert wird. Im Mittelpunkt steht ein „typisches“ Produkt aus Südtirol: der Apfel. Doch beginnen wir von vorne. Der Frühling bringt uns längere Tage und wärmere Temperaturen. Für Allergiker bringt er jedoch auch eine Reihe von Unannehmlichkeiten mit sich. Eine besonders oft auftretende Allergie, die sich bereits ab März bemerkbar machen kann, betrifft die Birkenpollen. Geschwollene Schleimhäute sowie gerötete Augen und Nase. Ein häufiger „Fehler“ des menschlichen Organismus‘ könnte nun zu einer Lösung des Problems führen. Bei sieben von 10 Allergikern gegen Birkenpollen tritt die gleiche Reaktion auch dann auf, wenn sie Obst essen, insbesondere bei Äpfeln. Jucken in der Mundhöhle, im Hals, an den Lippen, auf der Zunge und sogar in den Ohren. Das Immunsystem „verwechselt“ den Apfel mit den Birkenpollen und löst eine Überreaktion aus, die den klassischen Symptomen einer Birkenallergie gleichkommt. Das Ziel des Forschungsprojektes Interreg AppleCare besteht darin, diese Kreuzreaktion zu nutzen, um eine alternative Immuntherapie gegen die Birkenpollenallergie zu entwickeln. Unter der Leitung des Molekularbiologen Thomas Letschka wollen das Versuchszentrum Laimburgund seine Partner — das Krankenhaus Bozen, die Universität Innsbruck und die Medizinische Universität Innsbruck  — herausfinden, ob die Birkenpollenallergie durch den Verzehr von Äpfeln behandelt werden kann.

Die Apfeltherapie

Bei der Entwicklung dieser innovativen Therapie gegen Birkenpollenallergien machen sich Mediziner, Chemiker und Molekularbiologen einen interessanten Aspekt zunutze: „Der Apfel enthält Moleküle, die an die Birkeneiweiße gebunden sind, welche die allergischen Symptome auslösen“, erklärt Klaus Eisendle, Chefarzt der Abteilung für Dermatologie im Krankenhaus Bozen. „Die Ähnlichkeit der beiden Eiweiße kann beim Verzehr von Äpfeln Kreuzreaktionen bei Birkenpollenallergikern auslösen. Diese Kreuzreaktion bietet uns gleichzeitig aber auch die Möglichkeit, den Apfel als therapeutisches Mittel für die Hyposensibilisierung gegen Birkenpollen zu verwenden“, so der Experte weiter. Derzeit geht es in dem Projekt darum, die Apfelsorten und -mengen zu bestimmen, welche bei kontrollierter Einnahme für eine Behandlung der Pollenallergie geeignet sind. Der Apfel als „Medizin“ wäre für die Patienten besser verträglich als die herkömmlichen, langwierigen Immuntherapien und ist außerdem in jedem Supermarkt erhältlich, ohne dass ein Rezept benötigt wird.

(Copyright: Versuchszentrum Laimburg)

Aus der Natur in die Forschung

Das Versuchszentrum Laimburg stellt Probematerialien aus über 30 Apfelsorten zur Verfügung und quantifiziert die Synthese der einzelnen Allergene mit molekularbiologischen und biochemischen Methoden. In der Abteilung für Dermatologie des Krankenhauses Bozen und in der Universitätsklinik Innsbruck werden klinische Studien mit Allergikern durchgeführt, um anhand von Hauttests, Blutuntersuchungen und oralen Expositionstestungen das Allergiepotential verschiedener Apfelsorten zu bestimmen und geeignete Kandidaten für eine erste Probetherapie auszuwählen. Geplant ist außerdem die Errichtung einer grenzüberschreitenden Datenbank für Patienten mit Inhalationsallergien. Das Institut für Organische Chemie der Universität Innsbruck untersucht strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den Allergenen der Birkenpollen und der Äpfel, ebenso wie die Eigenschaften, die sie an die Antikörper binden. Das Ziel der Untersuchungen besteht darin, die folgende Frage zu beantworten: welches der über 30 verschiedenen Allergene des Apfels trägt verstärkt zur Auslösung der Allergie bei und hängt am engsten mit den Allergenen des Birkenpollens zusammen? Nachdem diese Allergene identifiziert wurden, wird ihre Konzentration in verschiedenen Apfelsorten gemessen. Auf diese Weise kann ein angemessener therapeutischer Ansatz entwickelt werden. Die Forscher beabsichtigen außerdem, Apfelsorten mit einem niedrigen Allergiepotential zu bestimmen, die für Allergiker verträglicher sind. „Wenn alles nach Plan läuft, können vielleicht schon in zwei Jahren „allergiefreundliche“ Apfelsorten empfohlen werden. Um das Immunsystem frühestmöglich an Äpfel zu gewöhnen, sollte man Kleinkindern bereits ab dem dritten Lebensmonat geriebene Äpfel zu essen geben. Dann kann die Allergie erst gar nicht entstehen“, so Eisendle abschließend.

Die Bedeutung des Netzwerks

Ein dreijähriges Forschungsprojekt, das vom europäischen Fonds für regionale Entwicklung im Rahmen des Kooperationsprogramms V-A Italien-Österreich 2014-2020 finanziert wurde und dessen Stärke in der Zusammenarbeit der verschiedenen Einrichtungen besteht. „Der Apfel ist für Südtirol von besonderer Bedeutung“, erklärt Arnold Schuler, Referent für Landwirtschaft der Provinz Bozen. In Italien stammt einer von zwei Äpfeln aus Südtirol, in Europa einer von 10“. „Das Projekt ist interdisziplinär angelegt und vereint die Bereiche Landwirtschaft und Gesundheit, das Versuchszentrum Laimburg und die Gesundheitsbehörde Südtirol sowie die Regionen Südtirol und Tirol“, bemerkt seine Ratskollegin Martha Stocker, Gesundheitsreferentin. „Auf diese Weise entsteht eine fruchtbare Zusammenarbeit, bei der alle voneinander lernen können.“ „Das Versuchszentrum Laimburg sieht sich als einen wichtigen Bezugspunkt für alle Themen rund um den Apfel“, bestätigt der Direktor Michael Oberhuber. „Beim Projekt AppleCare können die umfassenden Kompetenzen des Zentrums zu den Themen Apfelsorten, Anbau, Untersuchung ihrer Bestandteile und biomolekulare Methoden mit den Erkenntnissen der Gesundheitsbehörde aus dem medizinischen Bereich vereint und bereichert werden“.